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14-01-09 // Interview v3rsus/counterculture

Der kulturelle Geschmack muss gekitzelt werden

Phillip Boa im v3rsus/counterculture Interview über Musikindustrie, Politik und das neue Album.

Black Symphony

Museum of Fine Arts, Victor Pasmore Ausstellung Malta Dezember 2008

Malta/San Francisco

v3rsus: Du lebst in Deutschland und Malta, und verbringst hin und wieder auch mal Zeit in den USA. Wie siehst du die momentane politische und wirtschaftliche Situation, und wie empfindest du die Stimmung der Leute in Europa und den USA? Aktuell ist ja gerade die Autoindustrie von der Krise erfasst.

Boa: Detroit erinnert mich irgendwie an das Ruhrgebiet. Dort ist ja auch eine Menge Industrie einfach weggewischt worden, und es wurde immer sehr kurzfristig gedacht, wenn ich an die Stahlindustrie denke. Da gibt es ganze Geisterstadtteile, und die Leute sind desillusioniert. Ich vermute, dass das in Amerika ein Zustand ist, der so seit langem nicht eingetreten ist: dass die Leute keine Arbeitsplätze mehr haben. Meine Schwester lebt schon lange in Amerika, hat nichts richtiges gelernt und findet immer einen Job. Diese neugelernte Arbeitslosigkeit, diese Erfahrung, verwirrt die Leute irgendwie schon. Wir sind das ja hier eigentlich gewohnt: eine Arbeitslosenquote von 4 bis 5 Prozent, und auch hoehere zwischen 10 und 20.

v3rsus: Dadurch dass deine Schwester früh ausgewandert ist hast du ja schon seit langem eine gewisse Nähe zu den USA. Hast du in den letzten 20 Jahren gemerkt, dass die Armutsschere in Amerika extremer auseinandergegangen ist?

Boa: Ja, das bekomme ich mit, und das kritisiert man ja auch allgemein an Amerika. Nur dieser ganze Anti-Amerikanismus, der war ja hier schon immer ein bisschen schick. Ich hatte viele Gelegenheiten Amerika kennenzulernen, und ich sehe das nicht so negativ. Hier schiebt man immer alles auf Amerika. Besonders die Linke, zu der ich ja etwas gehöre, aber gemäßigt und realistischer, schiebt alle Standardvorverurteilungen Amerika zu, und im Prinzip sind hier in Deutschland die Situationen exakt genauso. Die Schere zwischen Arm und Reich wird hier auch größer. Ich würde sogar sagen, dass das in der letzten halben Dekade auf jeden Fall sehr negativ durchschlägt. Das sind globalisierte Phänomene. Die Deutschen zeigen immer sehr gerne mit dem Zeigefinger auf andere, aber haben es eigentlich hier auch nicht besser.

v3rsus: Deutsche Banken sind ja letztlich auch in die Krise des US-Finanzmarktes reingerutscht. Im Endeffekt operieren alle Unternehmen gleich, egal ob in Deutschland oder in Amerika.

Boa: In der Finanzwelt gibt es ja gar kein Amerika mehr. Es gibt nur noch die Welt. Da ist China involviert, Indien, Europa und die USA, wahrscheinlich immer noch als stärkste Wirtschaftsmacht. Das sind alles so komplizierte Vorgänge, dass der normale Mensch das gar nicht mehr durchschauen kann. Ich habe eigentlich immer prophezeit, dass dieses Finanzsystem irgendwann mal zusammenbricht, weil es nie Grenzen kannte.

v3rsus: The Streets kamen vor kurzem mit der Single “Everything’s Just Borrowed” raus, TV On The Radio haben mit “Dancing Choose” praktisch eine kleine Medienkritik und NIN haben mit “Year Zero” ein ganzes Album zur momentanen gesellschaftlichen und politischen Situation gemacht. Sind das denn auch Dinge die von Künstlern thematisiert werden sollten um die Leute ein bisschen aufzuwecken?

Boa: Das habe ich ja im Prinzip immer schon gemacht. Das durchzieht meine ganze Arbeit. Meine neue Single kannst du so werten, wenn du willst, aber meine Titel haben auch immer noch eine romantische Ebene. Du kannst die Lieder und Bilder so werten und interpretieren, aber ich schreibe so, dass das nicht offensichtlich ist und nicht nur politisch, und vor allen Dingen nicht verbittert oder mit dem Zeigefinger. In meinem ganzen Tun fordere ich eh immer zum absoluten Misstrauen dem System gegenüber auf. Bei mir gibt es keine Klischees. Bei mir gibt es nicht “die PDS oder Die Linke sind gut und die CSU ist ganz rechts und ist ganz schlecht und in der Mitte ist die SPD, die geht so ganz okay”. Solche Parameter sind für mich nicht existent. Ich finde das gesamte politische Parteiensystem ist absurd. In Deutschland übrigens genauso wie in Amerika. Es geht letztlich nicht um die Belange des Volkes, sondern darum dabei zu sein, um in der Elite, egal ob links oder rechts, über Lobbyismus möglichst viel für sein eigenes Wohlsein zu tun, immer unter dem Vorwand der eigenen Überzeugungen oder Ideale. Du kannst das auch als Heuchelei bezeichnen. Das ganze System ist vom Lobbyismus geprägt, und das ist parteienunabhängig oder –übergreifend. Das ist in Amerika genauso. Dann siehst du diese Obama-Geschichte mit dem korrupten Senator, und plötzlich ist Obama Jesus und wird hier verherrlicht wie früher Bono von U2. Das kann eigentlich auch nicht Stimmen. Die Bilder Stimmen alle nicht. Meinen Fans und den Lesern meines Blogs versuche ich zu vermitteln, dass sie gar nichts glauben sollen, weder von links noch von rechts. Die sollen immer hinter die Kulissen schauen.

v3rsus: Siehst du denn ein Problem darin, dass Mainstream-Medien Leute missinformieren und immer die gleichen Geschichten wiederholen?

Boa: Medien sind ja auch korrupt. Wenn du mal die Energiepreise in Deutschland als Beispiel nimmst, so gibt es in Deutschland ein Oligopol was Energiefirmen angeht. Die Gas- und Strompreise hier sind skandalös, aber niemand geht hier auf die Straße und protestiert dagegen, obwohl wir eigentlich einen Monopolismus haben, weil sich die Unternehmen absprechen. Kein Medium greift ernsthaft diesen Monopolismus an, weil sie davon Leben. Wenn Unternehmen wie EON oder RWE ihr Anzeigenblatt bei einer einflussreichen Zeitung oder Zeitschrift streichen, dann hat diese Zeitung oder Zeitschrift ein ganz großes Problem. Heutzutage regieren die Financial Controller und nicht die Chefredakteure oder Herausgeber. So ist das auf der ganzen Welt mit allen Dingen. Das ist eine Form von Lobbyismus. Diese Energieriesen, oder auch viele andere Industrien, sind in ihrer Macht einfach unbegrenzt. Die diktieren die Politik, die eigentlich für das Volk sein sollte. Das sind auch alles alte Gedanken. Die sind nicht neu, und das weiß eigentlich auch jeder. Das ist halt immer noch so.

v3rsus: Denkst du, dass es heutzutage weniger Plattformen für Kultur und relevante Informationen gibt als vor 15 Jahren, oder denkst du, dass das Internet einen adäquaten Ausgleich schafft?

Boa: Ich denke das Internet hat die Chance kulturell gegen die einseitige Medienvorführung zu steuern, die wir erhalten. Dort existiert noch eine gewisse Freiheit das zu schreiben und auszudrücken was man möchte, was sonst immer mehr verloren geht. Das Problem ist, dass es nicht wirklich freie Köpfe gibt. Es gibt nicht wirklich Leute, die lobbyismusunabhängig sind. Die ganzen Künstler in Deutschland beispielsweise, das kenne ich ja ganz gut, sind sofort korrupt. In meinem aktuellen Blog kannst du auch lesen, was ich meine. Da ist niemand der wirklich sagt, was er denkt und seinen Output kontrolliert. Egal ob Journalisten, Maler, Autoren oder Musiker, alle lassen sich irgendwie sponsoren und finanziell unterstützen. Alle lassen sich von großen Firmen unbewusst oder bewusst etwas vorschreiben. Es gibt sehr wenige Künstler, die einfach das machen was sie wollen, weil ihre Verkäufe darunter Leiden würden. In England gibt es ein paar, die einfach machen was sie wollen, so wie Radiohead oder Mark E Smith von The Fall. In Amerika habe ich von Nine Inch Nails den Eindruck. Das sind Menschen, die sind nicht korrupt. Die glauben nicht der Rechten und nicht der Linken, genau wie ich. Die glauben erst mal an gar nichts, und dann vielleicht an das Gute im Menschen.

v3rsus: Mittlerweile gibt es ja auch gar keine komponierten Werbejingles mehr. Diese Funktion wurde komplett von Popmusik übernommen, und jede Band verkauft ihre Songs für Werbung.

Boa: Das habe ich zum Beispiel auch nie gemacht. Das ist auch eine Entwertung meiner Arbeit. Wenn du einmal da drin bist, machst du das öfter, und das korrumpiert deine künstlerische Leistung, über die Psyche und über das Unterbewusstsein...

» Das komplette v3rsus/counterculture Interview

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